Accesskeys

Vom Sticken, Bauen und Vernetzen

Privatarchive im Staatsarchiv St.Gallen: Vom Messgewand über den Brückenbau bis zur Politik

Die Sicherung der Überlieferung der öffentlichen Organe des Kantons bildet das Kerngeschäft des Staatsarchivs. Ergänzt werden diese staatlichen Quellen durch Archivalien aus privater Hand, denen das Staatsarchiv Gewicht für die kantonale Geschichte beimisst. Dabei kann es sich z.B. um Familien-, Firmen-, Verbands- oder Parteiarchive handeln.

Der folgende Beitrag berichtet über drei Neuzugänge im Bereich der Privatarchive aus dem 19. und 20. Jh. und zeigt auf, mit welchen konservatorischen Massnahmen sie für die Nachwelt gesichert werden.

Ursprung eines Privatarchivs ist meist ein Mensch (oder eine Gruppe) mit der Absicht, seine (oder ihre) Tätigkeit zu dokumentieren oder eine Sammlung anzulegen. Oft fristen solche Materialien nach dem Tod der entsprechenden Person über Jahre ein mehr oder weniger vergessenes Dasein auf einem Estrich oder in einem Keller.

Glücklicherweise erkennen Nachkommen heute vermehrt den Wert solcher «Lebenswerke» und bemühen sich um deren Erhalt, in dem sie selbst Arbeit in eine Sichtung und Sortierung der Unterlagen investieren oder diese einem Archiv oder auch einem Museum zur Aufbewahrung anbieten.

Familien- und Firmenarchiv Fraefel & Co.

So verhält es sich auch mit dem kleinen, aber feinen Familien- und Firmenarchiv Fraefel & Co., Kunststickerei St.Gallen, das dem Textilmuseum St.Gallen von einer Nachfahrin der Familie Fraefel übergeben wurde. Neben wertvollen Sammlungsbeständen wie Musterbüchern und bestickten Textilien enthielt der Bestand auch schriftliche Unterlagen und historische Fotografien zur Familien- und Firmengeschichte. Diese Unterlagen wurden mit dem Einverständnis der Donatorin ans Staatsarchiv weiter vermittelt (Signatur W 318). Eine derartige Teilung macht in diesem Fall Sinn, denn Museum und Archiv verfügen über je eigene, ganz spezifische Kompetenzen im Bereich Textiles respektive Papier.

Bild vergrössern: Abbildung aus Musterkatalog, 1888 (StASG W W 318/1.1-06 )

Abbildung aus Musterkatalog, 1888 (StASG W W 318/1.1-06 )

.Die übernommenen Unterlagen ermöglichen einen Einblick in die rund 100-jährige Geschichte des Unternehmens, das von Arnold Fraefel sen. im Jahr 1883 in der Mühlenenschlucht in St.Gallen (bei der «Flade», Gallusschulhaus) gegründet wurde und schon früh Geschäftsbeziehungen nach Deutschland und in die USA pflegte. Hergestellt wurden zu Beginn vor allem liturgische Kleidung und andere textile Produkte mit aufwändigen Stickereien für den katholischen Gottesdienst, so genannte Paramente. Nach der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965) brach dieser Geschäftszweig jedoch stark ein, so dass aus wirtschaftlichen Gründen die Produktion von gestickten Fahnen und Abzeichen ausgebaut wurde. Viele jüngere St.Galler und St.Gallerinnen kennen das Unternehmen denn auch vor allem als Fahnenfabrik.

Das Familien- und Firmenarchiv Fraefel & Co. dokumentiert die Familiengeschichte mit Fotos und privater Korrespondenz. Als Besonderheit liegt dem Bestand eine Maturaarbeit aus dem Jahr 2013 bei, verfasst von einem direkten Nachfahren der Familie Fraefel. Im Zentrum der Arbeit stehen zwei Konflikte, mit denen sich die Familie und das Unternehmen über einen längeren Zeitraum konfrontiert sahen.

Bild vergrössern: Ehepaar Arnold und Emma Fraefel-Eberle, ca. 1880 (StASG W 318/2.2-02)

Ehepaar Arnold und Emma Fraefel-Eberle, ca. 1880 (StASG W 318/2.2-02)

Privatarchiv Ingenieur Arnold Sonderegger

Ein weiteres bedeutendes Privatarchiv im Staatsarchiv stammt von Arnold Sonderegger (Signatur W 229), Ingenieur aus St.Gallen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der ganzen Ostschweiz Kraftwerke zur Stromerzeugung, Gewässerkorrektionen, Wasserversorgungen, Kanalisationen sowie Brücken, Strassen und Bahnstrecken konzipierte und deren Bau leitete.

Sonderegger wurde 1869 in Heiden geboren, wo er auch die Primarschule besuchte. Nach der Maturität an der Kantonsschule St.Gallen begann er mit dem Studium der Ingenieurswissenschaften am Eidgenössischen Polytechnikum, der heutigen ETH Zürich. Danach unternahm er Reisen in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er sich mehrere Jahre als Ingenieur betätigte und sich weiterbildete. Zurück in der Schweiz übernahm er zunächst die Bauleitung eines Wasserkraftwerks in Thusis, bevor er in Chur, und ab 1902 in St.Gallen, sein eigenes Ingenieurbüro eröffnete. (Aus: ETH Bibliothek, e-periodica (1933): https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=sbz-002:1933:101:102::257)

Bild vergrössern: Porträt Arnold Sonderegger (1869-1933), Bauingenieur (StASG P 720)

Porträt Arnold Sonderegger (1869-1933), Bauingenieur (StASG P 720)

 

 

Sondereggers Können als Experte war sehr gefragt, was sich in unzähligen Gutachten zuhanden von Gemeinden, Stadtverwaltungen und Privaten niederschlug. Obwohl er nur 64 Jahre alt wurde, hinterliess er ein umfangreiches und gut geordnetes Archiv zu seiner beruflichen Tätigkeit. Im Bestand finden sich viele handschriftliche Berechnungen zur Statik von tragenden Bauteilen, sorgfältig kolorierte Pläne und Berichte über die geologische Beschaffenheit des Bodens an Orten, an denen er  baute. Aus den Unterlagen geht hervor, dass sich Arnold Sonderegger nicht zu schade war, für einen Augenschein vor Ort auch lange Reisen und Fussmärsche auf sich zu nehmen.

Bild vergrössern: Situationsplan der Thurkorrektion bei Wattwil, 1914 (StASG W 229/1.4-18.14)

Situationsplan der Thurkorrektion bei Wattwil, 1914 (StASG W 229/1.4-18.14)

Aus dem Bestand kann zudem abgelesen werden, dass der Ingenieur sehr belesen war und sich stets weiterbildete. Eine grosse Anzahl an Artikeln aus verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften des Baugewerbes und des Ingenieurwesens sowie der Tagespresse zeugen von seinem grossen Fachinteresse und dem professionellen Bestreben, technisch auf der Höhe der Zeit zu sein.

Arnold Sonderegger war mit Anna Katharina Badrutt verheiratet und Vater eines Sohnes. Darüber hinaus finden sich im Bestand leider kaum Angaben zu seiner Person und seinem privaten Leben.

Sammlung Breitenmoser

Im Gegensatz zu den Schöpfern der ob genannten Archivbestände lernte das Staatsarchiv den «Hersteller» der Sammlung Hans Breitenmoser (Signatur W 280) persönlich kennen. Hans Breitenmoser, Rapperswil, übergab dem Staatsarchiv im Jahr 2014 sein persönliches Archiv als Schenkung. Schon in jungen Jahren politisch interessiert, las der spätere FDP-Kantonsrat zeitlebens mehrere Tages-, Wochen- und Monatszeitungen. Als Journalist konnte er sein persönliches Interesse schliesslich zum Beruf machen.

 

Durch seine politische und berufliche Tätigkeit sowie sein freundliches und geselliges Naturell schuf sich Hans Breitenmoser im Lauf der Jahre ein grosses persönliches Netzwerk, lange vor Facebook, LinkedIn oder Twitter. Die von ihm angelegte und über Jahre vervollständigte Sammlung zu Personen und Ereignissen liest sich wie ein «Who is who» des Kantons St.Gallen. Der einzigartige Bestand dokumentiert datenreich ganze Karrieren einzelner Personen, beispielsweise den politischen Werdegang des ehemaligen Bundesrats Kurt Furgler. Das Privatarchiv enthält aber auch einen Schatz an Informationen zu eher «gewöhnlichen» Menschen aus Kunst, Kultur und Gesellschaft.

 

Die Sammlung Breitenmoser besteht aus Zeitungsartikeln, Fotos, Todesanzeigen und Nachrufen aus der Zeit zwischen 1950 und 2012. Die Zeitungsartikel sind mehrheitlich auf A4-Papiere geklebt, mit Daten angereichert und entweder alphabetisch oder thematisch geordnet. Obwohl Zeitungspapier in der Regel nicht sehr langlebig ist und auch das Aufkleben solcher Papiere aus konservatorischer Perspektive eher problematisch ist, zeigt sich der Bestand als Ganzes in einem sehr guten Zustand, auch weil Hans Breitenmoser seine Unterlagen sorgfältig verpackt und unter guten Bedingungen aufbewahrt hatte.

 

Wer immer Informationen zu Personen sucht, die für den Kanton St.Gallen von Bedeutung sind oder waren, die aber weder im Internet noch in Büchern ausreichend dokumentiert sind – in diesem Bestand wird er / sie mit grosser Wahrscheinlichkeit fündig.

Bild vergrössern: Fotos des erschlossenen und verpackten Bestands, 2016 (Fotos von R. Wyss, Staatsarchiv)

Fotos des erschlossenen und verpackten Bestands, 2016 (Fotos von R. Wyss, Staatsarchiv)

Bild vergrössern: Fotos des erschlossenen und verpackten Bestands, 2016 (Fotos von R. Wyss, Staatsarchiv)

Fotos des erschlossenen und verpackten Bestands, 2016 (Fotos von R. Wyss, Staatsarchiv)

Obwohl die dargestellten Privatarchive, archivisch gesprochen, verhältnismässig jung sind, ist ihr historischer Wert schon heute gegeben, gewähren die Bestände doch spannende Einblicke in das Leben und Wirken von Menschen des Kantons St.Gallen im 19. und 20. Jahrhundert.

Konservatorische Massnahmen zum Erhalt von Archivbeständen

Um Archivbestände für die Nachwelt zu erhalten, sind konservatorische Massnahmen unerlässlich. Grundlage einer stabilen konservatorischen Situation ist ein möglichst ausgeglichenes Klima mit Temperaturen unter 20° Celsius und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 45-50%. Im Weiteren müssen die Unterlagen bei der Bearbeitung gereinigt werden, falls sie von Staub, Schmutz oder Schimmel befallen sind. Im Anschluss werden sie in säurefreie Behältnisse verpackt, damit sie in Zukunft vor Umwelteinflüssen geschützt sind. Fotos werden im Staatsarchiv durchgehend digitalisiert, weil Film- und Fotomaterialien besonders fragil und vergänglich sind. Die Digitalisierung ermöglicht zudem einen kundenfreundlichen Zugang.

 

Alle neu eingehenden Bestände werden geordnet und im Archivinformationssystem des Staatsarchivs verzeichnet  Diese sogenannte Erschliessung ist eine zentrale Arbeit des Archivs. Dadurch werden die übernommenen Bestände – private wie staatliche – und die darin enthaltenen Informationen für die spätere Recherche respektive Nutzung zugänglich gemacht.

 

Im Kontext mit Unterlagen staatlicher Herkunft erlauben Unterlagen aus privater Hand Rückschlüsse auf Fragestellungen zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts im Kanton St.Gallen.

Quellen:

 

Familien und Firmenarchiv Fraefel (W 318)

StASG W 318/1.1-06, Bild aus: Anstalt für kirchliche Kunst, Fraefel & Co. St.Gallen (A. Katalog für Paramente)

StASG W 318/2.2-02, Foto des Ehepaars Fraefel, ca. 1880

 

Privatarchiv Arnold Sonderegger, Ingenieur (W 229)

StASG P 720, Schweizerische Bauzeitung 101/102, Heft 20, 1933

StASG W 229/1.4-18.14, Thurkorrektion, Plansammlung

 

Privatarchiv / Sammlung Hans Breitenmoser (W 280)

Fotos vom Bestand von R. Wyss

 

 

Regula Wyss, Staatsarchiv St.Gallen

Servicespalte

Archivkatalog Onlinerecherche

Öffnungszeiten

 

Lesesaal: Dienstag bis Freitag 08.15-12.30 Uhr, 13.15-17.15 Uhr

 

Telefon: Montag bis Freitag 08.15-12.00 Uhr, 14.00-17.15 Uhr
 

Damit wir uns optimal auf Ihr Anliegen vorbereiten können, bitten wir um eine         Voranmeldung.

 

Telefon: 058 229 32 05

 

Bitte nehmen Sie zur Kenntnis! .

 

24. Dezember bis 26. Dezember 2018:

Das Staatsarchiv bleibt vom Montag, den 24.12.2018 bis und mit Mittwoch, den 26.12.2018 geschlossen.

 

31. Dezember 2018 bis 02. Januar 2019:

Das Staatsarchiv bleibt vom Montag, den 31.12.2018 bis und mit Mittwoch, den 02.01.2019 geschlossen.

 

12. Februar 2019:

Am Vormittag von 08.15–10.00 Uhr bleibt das Staatsarchiv ausserordentlich geschlossen.

 

09. Mai 2019:

Das Staatsarchiv bleibt den ganzen Tag ausserordentlich geschlossen.

 

24. Oktober 2019:

Am Vormittag von 08.15–10.00 Uhr bleibt das Staatsarchiv ausserordentlich geschlossen.

 

10. Dezember 2019:

Am Vormittag von 08.15–10.00 Uhr bleibt das Staatsarchiv ausserordentlich geschlossen.

 

Wir danken Ihnen für Ihr   Verständnis