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Jux und Humor aus der Kantonsschule am Burggraben, 1897-2014

„Mit Humor geht alles leichter.“ Dieses Motto dient auch den Schülerinnen und Schülern der Kantonsschule am Burggraben seit jeher als probates Mittel im Schulalltag. Neben dem Lernen und Pauken wurde und wird nämlich allerlei Schabernack getrieben. Auf diese Weise und oft mit einem erstaunlichen Mass an Kreativität lässt sich Dampf ablassen. Dabei versteht es sich von selbst, dass die Lehrerinnen und Lehrer – gewissermassen als die „Dampferzeuger“ – zuallererst ihr Fett abbekommen.

Stets beliebt: Lehrerkarikaturen

Schüler-Kritzeleien und Karikaturen sind grundsätzlich ein sehr vergängliches Medium. Erst werden sie versteckt gezeichnet, dann verstohlen-grinsend herumgezeigt und schliesslich diskret entsorgt.

 

Bei jenen Kunstwerken, die es bis ins Staatsarchiv geschafft haben, war wohl der Lehrer schneller und hat sie konfiszieren können. Dieser scharf blickende „Condor“ von 1897 mit dem Zwicker auf der Nase war ursprünglich eine „Einlage im Notizheft Güntensperger“, wie auf der Rückseite des Zettelchens zu lesen ist. Das Zeichentalent hatte der 17-jährige Kantonsschüler Josef Güntensperger offensichtlich von seinem Vater Alois geerbt. Dieser unterrichtete an der Kantonsschule Linearzeichnen, darstellende Geometrie und Astronomie. Ob sich der Karikierte gut getroffen sah, ist allerdings ebenso wenig überliefert wie eine allfällige Bestrafung des Urhebers.

Im Vergleich zu dieser schnellen Skizze ist das gebastelte Pendant zum Latein-, Deutsch- und Geschichtslehrer Konrad Maurer wesentlich aufwändiger gestaltet. „Morieux“, wie der Rauschebart von seinen Schülern verballhornt wurde, war nämlich nicht nur sorgfältig koloriert worden. Er verfügt am unteren Ende zusätzlich noch über eine Lasche. Wenn man daran zieht, wackelt der Pädagoge mit seinem Denkerhaupt.

 

Natürlich finden sich Lehrerkarikaturen auch in den diversen Schülerzeitungen, welche die Schülerinnen und Schüler im Laufe der Zeit publiziert haben. 1993 erschien in der Schülerzeitung „Ultimatum“ dieses von Manuel Stahlberger gezeichnete „Lehrerlispiel“, das laut Eigenwerbung mit dem „Hans-Huldrich-Künzli-Preis für beste Unterhaltung während langweiligen Schulstunden“ ausgezeichnet worden sei. Gemäss der Spielanleitung ist es nach den gleichen Regeln wie das „Leiterlispiel“ zu spielen.

Im Gegensatz zur Karikatur, die einmal konfisziert wieder schnell vergessen war, überlebten manche Lehrer-Spitznamen ganze Schülergenerationen. Hier pendelte die Namensgebung zwischen harmlosem Sprachwitz (Otto Ris = „Risotto“) und beleidigenden Titulierungen („Gockel“, „Aff“, „Schlimchuglä“ usw.).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Born to be wild“: Die Schülerschaft

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchten die Schüler für ihr Maturafoto noch ein Fotostudio auf. Die 3. Merkantilklasse leistete sich 1919 neben dem offiziellen Foto, das sie in Reih und Glied zeigt, noch eine Jux-Aufnahme.

Diese Aufnahme mit Zigaretten, Bierkrügen und Spielkarten blieb – soweit bekannt – die Ausnahme. Auch in den folgenden Jahrzehnten dominieren auf den Maturafotos die ernsten Mienen. Seit ein paar Jahren lassen sich die Maturandinnen und Maturanden aber in witzig-kreativen Inszenierungen ablichten, wie hier 2014 die 4gW.

Aus luftiger Distanz: Die Überflieger aus der 5t

Karikaturen und wenig schmeichelhafte Lehrer-Spitznamen schaffen bei der Schülerschaft – wie oben gezeigt – einen zumindest gefühlten Ausgleich zur Überlegenheit ihrer Lehrerinnen und Lehrer. 1932 spannte die 5t gar den international bekannten Piloten Walter Mittelholzer ein, um einen (letzten) „verächtlichen Tiefblick“ (vgl. Swissair-Offerte) auf die Kantonsschule werfen zu können. So war am 6. Oktober 1932 im St.Galler Tagblatt zu lesen:

 

„Die Abiturienten der technischen Abteilung, die heute um 10.15 Uhr oder bei Nebel zirka um 16 Uhr über St.Gallen fliegen, ersuchen uns um die Mitteilung, dass sie die herzlichsten Grüsse aus luftiger Höhe mit Walter Mittelholzer und seinem dreimotorigen Focker an die liebe Gallusstadt und besonders an ihre ehemaligen Herren Professoren schicken. Der Flug führt die ‚Muli‘ über den Säntis und die Stadt St.Gallen und wieder zurück nach Zürich, wo der übrige Tag verbracht wird.“

 

1992 trafen sich die letzten vier noch lebenden Klassenkameraden zum 60. Maturajubiläum. Wie man der überlieferten kleinen Jubiläumsbroschüre entnehmen kann, amüsierten sich die Vier noch immer über ihren damaligen Überflug.

 

 

 

„Prüfung geschafft!“: Die Maturakarten

Abb. 6

Als es noch keine SMS und Selfies gab, verschickten die Maturandinnen und Maturanden selber gestaltete Postkarten. Satirisch überspitzt zeigten diese ein letztes Mal, wie sehr man als arme Schüler gelitten hat bzw. wovor man jetzt definitiv geflüchtet ist.

 

Abb. 8

 

Abb. 9

 

Abb. 10

 

Abb. 7

Quellen im Staatsarchiv

A 507/03.05 (Liste der Lehrer-Spitznamen), vgl. auch das Jubiläumsbuch „Die Kantonsschule am Burggraben St.Gallen, 1856-2006“, S. 120-122.

A 507/06.11 (Maturakarten, Broschüre von Erich Martel mit der Swissair-Offerte von Walter Mittelholzer)

A 507/06.12 (Maturazeitungen)

A 507/11.2.037 (Maturafoto 3ma 1919)

ZA 013 (Schülerverzeichnis der Kantonsschule am Burggraben)

 

 

Marcel Müller, Staatsarchiv St.Gallen

 

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