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Ein Golfplatz in Mörschwil? (erste Hälfte 20. Jahrhundert)

Ein Projektplan von 1934

Ein Golfplatz in Mörschwil? Aus heutiger Sicht fürwahr kein abwegiger Gedanke, steht doch das Golfspiel bis heute im Ruf, vornehmlich ein Sport der Reichen und Betuchten zu sein. Und davon hat es ja heute bekanntlich Einige in dieser unmittelbar vor den Toren der Stadt St.Gallen gelegenen Gemeinde, die seit Jahren einen der kantonsweit tiefsten Steuerfüsse aufweist und mit konstantem Erfolg eine entsprechende Klientel zur Wohnsitznahme anzulocken weiss. Hingegen ist es mehr als nur erstaunlich, dass bereits für die Zeit der 1930er Jahre ein derartiges Projekt angedeutet ist: eine Zeit, in der Mörschwil noch ein ärmliches Bauerndorf war und der Volksmund weit über die Region hinaus zu fragen pflegte: „Chunsch eigetlich vo Mörschwil?“ – und damit dem Gegenüber eine Stellung weit unten auf der Skala des sozialen Ansehens unterstellte. Wie also ist der oben abgebildete Plan entstanden? Wer steckte dahinter? Und was ist daraus geworden?

Der Initiant: Dr. Gallus Eugster (1894-1971)

Eingereicht hatte das Projekt Dr. Gallus Eugster, der Besitzer des südlich des Mörschwiler Dorfzentrums gelegenen Anwesens von Schloss Watt, des zugehörigen Gutsbetriebs und damit auch des im Plan dargestellten Landstücks. Als Präsident des Milchverbands St.Gallen-Appenzell, als Vorstandsmitglied des Zentralverbands Schweizerischer Milchproduzenten, des Schweizerischen Bauernverbands, der Käseunion und der Schlachtviehgenossenschaft, als Vorkämpfer für den Zuckerrübenanbau und Mitinitiant der Zuckerfabrik Frauenfeld war er zweifellos eine der profiliertesten Persönlichkeiten der Ostschweizer Landwirtschaft seiner Zeit. Als Vertreter der konservativ-christlichsozialen Partei wurde er zudem im Jahr 1939 in den Nationalrat gewählt, wo er sich während der folgenden zwanzig Jahre mit Nachdruck für die Anliegen der Land- und Milchwirtschaft einsetzte. Kein Wunder, dass man „Dr. Eugster“, wie man den promovierten Tierarzt zu Hause in Mörschwil ehrfurchtsvoll grüsste, wenn der begeisterte Reiter hoch zu Ross an einem vorbeiritt, auch im Dorf mit grossem Respekt begegnete.

Das Projekt - und was wirklich dahinter steckte

Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus vorstellbar, dass Eugster sich und seine Umgebung mit einem frühen Golfplatzprojekt beglückt hätte. Ein vertiefter Blick in die Akten zeigt nun allerdings, dass Eugsters Pläne deutlich weniger weitreichend waren. Es ging ihm nämlich ausschliesslich um ein "Entwässerungsprojekt" und damit verbundene Bodenverbesserungsmassnahmen, "die es ihm ermöglichten, einen grossen Bodenkomplex, ca. 12 ha, umzubrechen und in Getreide-, Hackfrüchte- und Gemüseland umzuwandeln". Hintergrund des Vorhabens bildete das Meliorationswesen, d.h. die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vom Bund initiierten und von den Kantonen durchgeführten Bemühungen, in der Land-, Forst- und Alpwirtschaft mittels Entwässerungen und Bachverbauungen, Stall- und Alpsanierungen, Güterzusammenlegungen und Wegbauten substantielle Verbesserungen zu erzielen.

Bild vergrössern: Wegbau im Gebiet Hugenälpli-Älpli, Gemeinde Mosnang, ca. 1932. Die Ausführung der Arbeiten erfolgte durch Insassen der Zwangsarbeitsanstalt Bitzi, hier vermutlich beim Abbau von Schotter (ZMA 017/060)

Wegbau im Gebiet Hugenälpli-Älpli, Gemeinde Mosnang, ca. 1932. Die Ausführung der Arbeiten erfolgte durch Insassen der Zwangsarbeitsanstalt Bitzi, hier vermutlich beim Abbau von Schotter (ZMA 017/060)

Im Kanton St.Gallen lag die diesbezügliche Federführung beim Meliorations- und Vermessungsamt, das für die Planung und Subventionierung entsprechender Projekte zuständig war, nachdem sie von der Regierung bewilligt worden waren. Unzählige Akten, Pläne und Fotos legen im Staatsarchiv in eindrücklicher Art und Weise Zeugnis ab von diesen Bestrebungen, die das Gesicht der Landschaft unseres Kantons nachhaltig veränderten.

Roco-Erbsli statt Golfbälle

Nachdem Eugsters Projekt im ersten Anlauf von 1934/35 keine staatlichen Subventionen erhalten hatte, setzte er Teile davon vorerst auf privater Basis um. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs, im Zeichen der sog. "Anbauschlacht" (Plan Wahlen), an deren Planung Eugster kraft seiner Funktionen in Politik und Verbänden persönlich beteiligt war, wurde dann ein Folgevorhaben am selbigen Ort von den zuständigen Behörden als "für die Steigerung der Lebensmittelproduktion sehr wertvoll taxiert", entsprechend bewilligt und im Winter 1941/42, im Rahmen eines Sammelprojekts mehrerer Drainagearbeiten auf Mörschwiler Gemeindegebiet, erfolgreich durchgeführt (A 151/3.85-726B).

In der Folge betrieb Eugster auf dem frisch meliorierten Boden Ackerbau – nota bene als einer der ganz wenigen Landwirte im Dorf, das damals noch viel stärker als heute von Obstbau, Milch- und Viehwirtschaft dominiert war. Neben Getreide baute er vor allem Erbsen („Buwärli“) an, die unter tatkräftiger Mithilfe von Frauen und Kindern aus dem Dorf zwei bis drei Mal im Jahr von Hand geerntet und sortiert wurden. Damals Beteiligte erinnern sich noch gut daran, wie jeweils abends Eugster mit seiner Waage erschien, um die Säcke mit den geernteten Erbsen zu wägen: zwischen 3 und 7 Rappen erhielt man pro Kilo. Die Erbsen wurden anschliessend der Firma Roco in Rorschach geliefert, welche sie zu Konserven verarbeitete.

Kein Golfplatz in Mörschwil - oder doch?

Ein späterer Blick in die Landschaft oberhalb des Schloss Watt zeigt keinerlei Spuren von einem Golfplatz – was mit Blick auf das eben Gesagte wenig überraschen wird. Eine Frage aber bleibt damit offen: Wie ist der Begriff "Golfplatz" in die offizielle Bezeichnung des Eugster'schen Projekts von 1934 hineingeraten, wenn dieser diesbezüglich ja offensichtlich keinerlei Ambitionen hegte? Die im Staatsarchiv vorliegenden Unterlagen geben darauf keine schlüssige Antwort. Mündliche Quellen aus dem Dorf jedoch deuten darauf hin, dass ein Vorgänger von Eugster auf Schloss Watt - vermutlich bereits vor über 100 Jahren (ca. 1910) - im fraglichen Gebiet tatsächlich einen Golfplatz eingerichtet und betrieben hat. Vermögende Stadtsanktgaller, möglicherweise auch Gäste aus den nahe gelegenen Kurbetrieben der Oberen und Unteren Waid, hätten sich dort zuweilen zu vergnügen gepflegt, während Einheimische ihnen die Schläger nachtrugen und damit wohl ein kleines Taschengeld verdienten. Später, in der Zeit des Ersten Weltkriegs, heisst es weiter, seien dann deutsche Internierte damit beauftragt worden, den Rasen zu mähen und das "Green" sauber zu halten. Wenn diese Erinnerungen mindestens in ihrem Kern zutreffen, so wäre der in Eugsters Projektplan von 1934 verwendete Begriff "Golfplatz" nicht als Ziel des Vorhabens, sondern als lokal gebräuchliche Ortsbezeichnung bzw. als Hinweis auf eine frühere Form der Bodennutzung zu verstehen. Schriftliche Belege für diese These liegen bisher keine vor; sie fügen dieser Geschichte aber zweifellos eine weitere spannende Facette hinzu, die allerdings noch genauer zu ergründen wäre.

 

Quellen im Staatsarchiv

ZMA 17 (VD-Meliorationsamt, Fotosammlung, 1889-1964)

ZDA 2/2.05.145 (Dokumentation Gallus Eugster)

Wy 025 (Firmenarchiv Roco AG, Rorschach)

 

Martin Jäger, Staatsarchiv St.Gallen

 

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