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Erstflug der DO-X, 1929

Am 12. Juli 1929 war es endlich soweit: Dem Piloten Richard Wagner gelang es, das damals grösste Passagierflugzeug der Welt, die DO-X in die Luft zu bringen. Das Flugschiff war in der Do-Flug AG in Altenrhein gebaut worden. Ende der 1920er Jahre war das heute in der Schweiz eher als FFA-Gelände bekannte Werk die modernste Flugzeugfabrik Europas.

Erstflug der DO-X

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Die DO-X am Tag ihres Erstflugs, dem 12. Juli 1929 vor den Werfthallen in Altenrhein; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.00459

Werftgelände der Do-Flug AG in Altenrhein

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Werftgelände: Vogelschau vom See her auf die Hafenanlage, die Fabrikationshallen und linkerhand auf die Nebengebäude, ganz links die 2 Gebäude der Elox-Anlage (Flugaufnahme), 1929; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.00422

Die Pläne zur DO-X stammten von Claude Dornier (1884-1969). Der Ingenieur und Unternehmer hatte nach dem Ersten Weltkrieg, damals noch als Angestellter der Zeppelin-Werke in Friedrichshafen, eine Vision: Ein auf dem Wasser startendes und landendes Flugboot aus Metall sollte den Transatlantikverkehr in der Luft möglich und zugleich rentabel machen.

 

Allerdings durfte dieses Flugschiff wegen der Bedingungen im Versailler Vertrag nicht in Deutschland produziert werden. Die Dornier Metallbauten GmbH in Friedrichshafen suchte deshalb nach einem geeigneten Grundstück ausserhalb des Landes und wurde am Bodenseeufer in Altenrhein fündig. Nach teils zähen Verhandlungen mit verschiedensten Bodenbesitzern, dem Kanton und weiteren Beteiligten konnte man 1926 mit dem Bau der Werft beginnen. Umfangreiche und kostenintensive Drainagen, Pfählungen und Aufschwemmungen waren notwendig, um aus dem hochwassergefährdeten Gebiet ein stabiles Gelände für Flughafen und Werftgebäude zu machen. Bereits im November 1926 war ein Grossteil der Fabrikationsgebäude fertig erstellt. Ausdehnung und Anordnung der Hallen folgte dem Prinzip der rationellen Serienfertigung von Flugzeugen, was die Werke in Altenrhein zur damals modernsten Flugzeugfabrik Europas werden liess.

Aufspülung des Flugplatzgeländes, Bankette der ersten Werkstatthalle und Baufortschritt bis zum November 1926

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Aufspülung des Flugplatzgeländes; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.00299

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Bankette der ersten Werkstatthalle; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.00304

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Baufortschritt bis zum November 1926; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.00316

Mit seiner Idee eines transatlantiktauglichen Grossraumflugschiffs revolutionierte Dornier den Flugzeugbau. Die DO-X stellte alles Bisherige in den Schatten: Allein die geplanten Dimensionen des Flugschiffs – 48 m Flügelspannweite und knapp 41 m Länge – schienen unglaublich. Die Verwendung von Duraluminium anstelle der bisher gängigen Holz- und Textilkonstruktionen hatte ein Abfluggewicht von rund 35 Tonnen zur Folge. Zwölf Motoren mit je mehr als 500 PS Leistung wurden montiert, die pro Flugstunde je 130 Liter Brennstoff und zehn Liter Oel als Schmierstoff verbrauchten. Auch die Fluggeschwindigkeit erregte Erstaunen. In einer Zeit, da ein Auto im Kanton St.Gallen auch ausserorts kaum mehr als 30 km/h schnell fahren durfte, flog die DO-X mit 240 km/h. Der Schiffsrumpf beherbergte gegen sieben Kilometer Leitungen und Kabelstränge, unter anderem für die Beförderung von Pressluft sowie von Brenn- und Schmierstoffen. 570 Tage bauten Werksangehörige an der DO-X und wendeten dabei insgesamt 240'000 Arbeitsstunden auf. Die finanziellen Investionen waren ebenso gigantisch wie das Flugschiff gross: Es kostete schliesslich 3,5 Mio. Reichsmark.

Kurz nach dem Start

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Die DO-X bei einem ihrer Flüge über dem Bodensee kurz nach dem Start; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.01700

Auch die Innenausstattung der Passagierkabinen glich eher einem Ozeandampfer denn einem einfachen Transportmittel für die Reise von A nach B. Bordbar und Rauchersalon, ein Teesalon mit Fauteuils und Perserteppichen sowie ausklappbare Betten sollten für die Bequemlichkeit der Reisenden sorgen. Für das kulinarische Wohl wurde eine Bordküche eingebaut, und damit es nicht langweilig wurde, installierte man eine Radioempfangsstation. Auch eine Bordtoilette fehlte nicht.

Allerdings spielten diese luxuriösen Installationen im 'echten' Flugleben der DO-X keine Rolle. Sie waren teils technisch unausgereift und wurden deshalb kaum je wirklich verwendet. Allein für den Betrieb der elektrischen Küchengeräte hätte man den Hilfsmotor des Flugzeugs laufen lassen und auf einen Generator schalten müssen. So dienten die Bilder der Bordausstattung vor allem Werbezwecken.

 

Teesalon in der DO-X, ein Passagier beim Radiohören an Bord und die Ausstattung der Bordbar

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Teesalon in der DO-X; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.01500

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Passagier beim Radiohören an Bord; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.01904

Bild vergrössern: Aussstattung der Bordbar

Aussstattung der Bordbar; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.01628

Die Konstruktion des Riesenflugbootes gründete in sorgfältigen Berechnungen und nicht zuletzt in umfangreichen Materialprüfungen. Um jederzeit auf gut ausgebildete Fachkräfte zurückgreifen zu können, rief Dornier kurz nach der Gründung des Werks auch eine eigene Lehrwerkstätte ins Leben, die in der Ostschweiz jahrzehntelang einen sehr guten Ruf besass.

Materialprüfungsstelle der Do-Flug Werke AG in Altenrhein (1929) und das Resultat eines Korrosionstests bei Schwimmern aus Avional respektive Duraluminium

Bild vergrössern: Materialprüfungsstelle der Do-Flug Werke AG in Altenrhein (1929)

Materialprüfungsstelle der Do-Flug Werke AG in Altenrhein (1929); Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.00356

Bild vergrössern: Resultat eines Korrosionstests bei Schwimmern aus Avional respektive Duraluminium

Resultat eines Korrosionstests bei Schwimmern aus Avional respektive Duraluminium; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.00436

Luftfahrttechnisch schrieb die DO-X in verschiedener Hinsicht Geschichte, so durch ihren Rekordflug vom 21. Oktober 1929. 169 Personen, neben der Besatzung vorwiegend Werksangehörige und ihre Familien, genossen einen Rundflug von 53 Minuten über dem Bodensee. Erst mehr als 20 Jahre später wurde dieser Rekord egalisiert.

An einem Wochenende im August 1929 führte die Ostschweizerische Aerogesellschaft St.Gallen in Altenrhein Flugtage durch. Anlass war die Eröffnung des Landungsplatzes Altenrhein als grösstes schweizerisches Flugfeld. Akrobatik- und Rundflüge, unter anderem vom Piloten Walter Mittelholzer angebotene Säntisrundflüge mit einer dreimotorigen Fokkermaschine, standen auf dem Programm. Auch ein motorlos durchgeführter Gleitflug vom Fünfländerblick nach Altenrhein erregte Erstaunen. Grösste Attraktion war aber sicher das Riesenflugboot DO-X, das man erst- und – wie die Werbung für den Anlass glauben machte – einmalig von nahe betrachten konnte. Der Besucheransturm an diesem Flugmeeting war ausserordentlich gross. Die Leute kamen in Scharen mit Velos, Autos, diversen Extrazügen und Sonderfahrten per Schiff nach Altenrhein. Laut Bericht im St.Galler Tagblatt sollen gegen 50'000 Personen die Flugtage besucht haben.

Flugtage in Altenrhein vom 24./25. August 1929: improvisiertes Parkfeld auf dem Flughafengelände und Besucherandrang in der Werfthalle

Bild vergrössern: Flugtage in Altenrhein vom 24./25. August 1929: improvisiertes Parkfeld auf dem Flughafengelände

Flugtage in Altenrhein vom 24./25. August 1929: improvisiertes Parkfeld auf dem Flughafengelände; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.00769

Bild vergrössern: Flugtage in Altenrhein vom 24./25. August 1929: Besucherandrang in der Werfthalle

Flugtage in Altenrhein vom 24./25. August 1929: Besucherandrang in der Werfthalle; Foto: Karl Alfred Ziegler, Werkfotograf; StASG W 241/3.00770

Die Flugtage hatten allerdings auch ein gerichtliches Nachspiel, wie dem Bericht des Tagblattes zu entnehmen ist: "Leider zerstörte ein gemeines Bubenstück eine vielfach mit Spannung erwartete Zugnummer: Abschuss eines Fesselballons. Ein offenbar antisemitisch eingestellter Zuschauer Ch. S. zerschnitt das Seil des mit der Aufschrift 'Globus St.Gallen' bezeichneten kleinen Fesselballons. Die demnächst zu erwartende Strafklage auf böswillige Eigentumsbeschädigung wird möglicherweise dem Manne einige Regeln des Anstandes beibringen …" Im Gerichtsurteil zu diesem Fall, das sich im Staatsarchiv St.Gallen findet, ist allerdings von diesem vermuteten antisemitischen Hintergrund nirgends die Rede. Das zuständige Bezirksgericht Unterrheintal kam zum Schluss, dass nicht Böswilligkeit oder Rache den St.Galler Kaufmann zu dieser Tat veranlasst habe, sondern dass diese "auf einen spontanen, mutwilligen Einfall" zurückzuführen sei. Es verurteilte den Angeklagten deshalb zu einer Geldstrafe von 400 Fr. und zur Übernahme der Gerichtskosten.

Die oben gezeigten Bilder sind eine kleine Auswahl aus dem Bildarchiv der Dornier-Werke resp. der späteren FFA. Dieser Bilderschatz war lange vom Fliegermuseum in Altenrhein betreut worden. Auf Anfang 2011 konnte ihn das Staatsarchiv St.Gallen übernehmen. Die Fotos wurden vom Staatsarchiv in den letzten Monaten erschlossen und auf dem Internet zugänglich gemacht: http://scope.staatsarchiv.sg.ch/detail.aspx?id=336425

Das Dornier Museum in Friedrichshafen zeigt anlässlich des 80-Jahr-Jubiläums des Transatlantikflugs der DO-X eine Sonderausstellung. Darin findet man auch Leihgaben aus dem Staatsarchiv St.Gallen.

 

Quellen:

Hormann, Jörg-M.: Flugschiff DO-X. Die Chronik. Bielefeld 2006.

Die Flugtage Altenrhein. In: St.Galler Tagblatt, Nr. 397, Morgenblatt, 26.8.1929.

Das Luftschiff Do-X. In: Rorschacher Zeitung, 24.8.1929, Nr. 195.

Flugtag in Altenrhein. In: Rorschacher Zeitung, 26.8.1929, Nr. 196.

StASG, G 3.11.2, Bezirksgericht Unterrheintal, Strafprotokolle 1929, Urteil vom 30.12.1929

Vereinbarung betreffend den Motorwagen- und Fahrradverkehr vom 19.12.1902 (als kantonale Verordnung in Kraft erklärt am 10.11.1903)

Vollzugsverordnung über den Motorwagen- und Fahrradverkehr vom 20.11.1928

Diverse Mitteilungen von Jörg-M. Hormann per E-Mail an die Verfasserin

 

Regula Zürcher, Staatsarchiv St.Gallen

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